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„Das letzte Ma(h)l“ – Essstörungen zum Abendessen – Krimiautor Guido Rohm zu Gast bei Marianne Blum

Fulda. Am Mittwochabend war es wieder soweit. Marianne Blum, Entertainerin und Gastgeberin der Veranstaltungsreihe „Gernsehen und Abendessen“, lud zu einer Lesung ganz besonderer Art ein. Gleich zu Beginn fragte sie ihr Publikum im ausverkauften Museumscafé: „Sind Sie alle richtig hier?… Sind Sie gestört?“ Wie bereits in der Vorankündigung der Veranstaltung beschrieben sind die Texte des Fuldaer Krimiautors nichts für schwache Nerven. Die Entertainerin wies in ihrer Anmoderation nochmals darauf hin, dass es sicher kein Kindergeburtstag werden würde. Niemand ließ sich aber abschrecken und der Autor wurde mit Spannung erwartet.

Fotos (35): Marzena Traber

Die Reihe „Gernsehen und Abendessen“ steht für niveauvolle Unterhaltung, Risiko und Improvisationskunst der eingeladenen Gäste. Und so wurde das Publikum auch an diesem Abend zu einem Experiment eingeladen. Wer sich auf einen Krimiabend unter dem Motto „Wer ist der Mörder“ gefreut hatte, wurde sicherlich enttäuscht. Nein, es gab keinen charmanten Kommissar, der sich auf die Jagd nach dem Täter machte. Die eigens für diesen Abend geschriebenen Kurzgeschichten gingen um seelische Abgründe, krankhafte Zwangsgedanken und skurrile Tagesabläufe essgestörter Menschen. Es ging um den Täter in einem selbst, um das Vergehen am eigenen Körper und der Ohmacht diesen Suchterkrankungen zu entfliehen. Die Themen waren Magersucht, Bulimie und Fresssucht, etablierte Zivilisationskrankheiten hinter denen eine erkrankte Seele steckt. Das Gros des Publikums war bereit sich einzulassen, manche waren schockiert, manche interessiert, andere wiederum peinlich berührt.

Der Schreibstil Rohms ist schonungslos direkt, die Sätze fließend und aussagekräftig. Er schafft es mit kurzen prägnanten Sätzen und wenigen Zeilen ganze Biografien  zu schaffen, die im inneren Auge seiner Zuhörer zum Leben erweckt werden. In der Geschichte „Würgeengel“ beispielsweise, eine Geschichte über eine Bulimikerin, personifiziert er den Kühlschrank, der zum Leib wird. Das Licht in ihm ist „das Licht am Ende des Tunnels“ und er beherbergt „den Feind und das Lebenselixier“ zugleich. Immer wieder bedient er sich beschreibender Metaphern,  die mit großer Intensität den Zuhörer in die Welt seelisch kranker Menschen entführt. Rohm schlüpft in die Protagonisten seiner Geschichten und vermag das zu schreiben, was sie fühlen.

Im Interview mit Marianne Blum zeigt er sich eher zurückhaltend. Er berichtete, dass ihn die Frage fasziniert, wie der Mensch mit Gewalttaten umgeht, und dass er unsere gewohnte Sichtweise hinterfragen will: „Ist vielleicht der Täter normal und  wir sind die psychisch Kranken?“ Die Thematik, die Rohm in seinen Geschichten aufgreift, ist sicherlich Geschmackssache, aber weder Rohm noch „Gernsehen“ sind Vertreter von seichter Unterhaltung. Das Fuldaer Publikum bewies einmal mehr, dass es sich auch auf ein Genre weitab des Mainstream einlassen kann. Trotz der heftigen Auseinandersetzung mit Essstörungen zum Dinner, ließ sich niemand den Appetit verderben und  somit fand auch das 3 Gänge- Menü  beim Publikum großen Anklang.

Die nächste Veranstaltung „Gernsehen und Abendessen findet am 19.12.12 statt, an dem das Fuldaer Frauen Trio Sabinett zu Gast sein wird. Außerdem gibt es ein interaktives Hörspiel und allerhand Überraschungen. Tickets im Museumscafé 0661-240029 und online christa.joa-sporer@online.de / Text: Sabine Wittich



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