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Warum es so etwas immer wieder geben kann – Kurs Darstellendes Spiel zeigt mit „Die Strömung“ ein verstörendes Experiment

Schnell zu erkennen mit ihrer ordentlichen Kleidung: die Mitglieder der Strömung.

Auch die drei Damen, genannt „Die J’s“ haben keine Lust auf Diktatur.

„Stärke durch Disziplin, Stärke durch Gemeinschaft!“ – wie schnell aus der gutgemeinten Idee eines Lehrers ein verstörendes Experiment mit katastrophalem Ausgang werden kann, das zeigte vor kurzem der DS-Kurs der Albert-Schweitzer-Schule unter der Leitung von Veronica Saez in zwei Vormittags- und einer Abendveranstaltung – eine beeindruckende Leistung der 23 Schülerinnen und Schüler der Q2, die das ursprüngliche Stück „Die Welle“ von Morton Rhue nach einem wahren Experiment in den 1960er-Jahren in den USA auf jetzige, deutsche Verhältnisse umgeschrieben hatten.
Ausgangspunkt ist eine ganz normale gemischte Schulklasse mit verschiedenen Hobbys, Schwächen und Stärken, mit den üblichen Cliquen und einem Außenseiter, mit mehr oder weniger viel Lust auf Schule. Selbst ein Film über die Konzentrationslager unter den Nationalsozialisten im Dritten Reich langweilt die meisten: „Was hat das heute noch mit uns zu tun“, fragen sie sich, sicher, dass sich eine solche Bewegung heute ohnehin nicht mehr wiederholen könne. Daraufhin beschließt Geschichtslehrer Jochen Müller, seinen Schülern nicht theoretisch, sondern praktisch zu beweisen, wie manipulierbar jeder Einzelne von ihnen ist, wenn man ihnen nur das Gefühl einer starken, guten Gemeinschaft gibt.
Schon in der ersten Unterrichtsstunde, in der sie fraglos Disziplin und Gehorsam gegenüber ihrem Lehrer üben, wird klar, dass hier eine Strömung Fahrt aufnimmt, die gefährlich werden kann. Katja, Jochen Müllers Frau und ebenfalls Lehrerin an der Schule, sieht diese Gefahr, doch ihr Mann kann das Experiment nicht beenden: Zu viel Freude macht es ihm selbst, als (An-)Führer ernst genommen zu werden und zu sehen, wie die meisten Schülerinnen und Schüler mitgehen. Besonders Außenseiter Kevin findet sich in dieser strengen Struktur gut zurecht und duldet keine Abweichler. Bald hat man zur Demonstration der Gemeinschaft eine einheitliche Kleidung und einen Gruß mit Worten und Gesten entwickelt: „Stärke durch Disziplin, Stärke durch Gemeinschaft“ ertönt es bald, wenn sich die Klasse trifft, und wer nicht mitmacht, wird bald als Feind identifiziert, so wie Lucy, die Redakteurin der Schülerzeitung, die schnell erkennt, dass das Experiment außer Kontrolle gerät: Erste Schüler, die sich weigern mitzumachen, werden verprügelt, Lucy entzweit sich mit ihrem Freund David, der zunächst der Strömung folgt. Und noch jemand würde gerne dazu gehören: Es hat sich eine neue politische Kraft formiert, die fremdenfeindliche und rechtspopulistische DFA, die sich gerne auch unter den Schülerinnen und Schülern etablieren würden. Doch diesem Ansinnen erteilt Müller eine klare Absage, umso mehr nehmen ihn die Mitglieder der Strömung als ihren Führer wahr, den besonders Kevin rund um die Uhr schützt und bewacht, weil er selbst unter dieser Struktur gedeiht und seine Position als Strömungsscherge ihn stärkt wie nie zuvor.
Doch sowohl die anderen Lehrkräfte und die Schulleitung als auch die Elternschaft hegen Zweifel gegen das Experiment, das sich immer mehr verselbstständigt. Als David, der von der Strömung zu Lucy geschickt wurde, um diese vom Schreiben gegen die Strömung abzuhalten – auf welche Art auch immer -, und er sie beinahe schlägt, wird auch ihm schlagartig klar, wohin die blinde Gefolgschaft in der Strömung die Menschen führt. Beide fordern Müller auf, das Experiment zu beenden. Müller weiß, dass sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch er selbst daraus einiges gelernt haben, und er setzt der Strömung ein jähes Ende. Kevin, der damit wieder seinen Status verliert, kann das nicht ertragen. Er zückt eine Pistole und erschießt zuerst Müller, dann schießt er wild in das Publikum, schließlich stirbt er selbst.
Mit einem guten Mix aus jugendlicher Nonchalance und wirklicher Verzweiflung angesichts der furchtbaren Erkenntnis, dass so gut wie jeder manipulierbar ist und sich in der letzten Konsequenz auch der Holocaust wiederholen könnte, präsentierten die jungen Darstellerinnen und Darsteller die Ergebnisse ihrer Halbjahresarbeit. Sie hatten viele eigene Erfahrungen aus dem Unterricht und ihrem Schulalltag miteinfließen lassen, ohne die eigentliche Message des Stücks zu verwässern. Dabei war es ihnen besonders wichtig, die derzeit mächtige populistische Partei Deutschlands, die AfD, leicht umgewandelt in diesem schrecklichen Zusammenhang zu zeigen und damit einen Bogen zu schlagen zu Geschichtsleugnung und von dieser Partei propagiertem Vergessen der Nazizeit.
So waren es einige Botschaften, die die jungen Erwachsenen ihrem Publikum mitgaben – mit einem Stück, das den Zuschauerinnen und Zuschauern noch lange im Gedächtnis bleiben wird.



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