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Hobbyforscher Peter Heil erläutert die Hintergründe zu einer Anekdote aus Oberkalbach

Eine Heldentat, eine Liebe gegen den Willen der Familie und ein Überfall: Die Ingredienzien einer über hunderte Jahre tradierten Erzählung aus Oberkalbach würden Stoff genug für einen spannungsgeladenen Roman bieten. Tatsächlich ist es jedoch nur eine kurze Anekdote darüber, wie jemand zu einem Bürgermeisteramt kam. Und spannender als die Geschichte selbst ist ihr historischer Kern.

Unter dem Titel „Wie die Oberkalbacher einmal einen Scholtes bekamen“ hat einst Klaus Vögler die Geschehnisse notiert. Nachzulesen ist sie unter anderem in der Oberkalbacher Jubiläumschronik. Der Hauptprotagonist und spätere Scholtes, also Schultheis oder eine Art Bürgermeister, ist ein junger Feldwebel namens Krieger. Dieser stammte aus Kassel, wurde beim „Kötzebauer“ in Oberkalbach während des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) einquartiert und verliebte sich in die Ännje Weißmüller. Deren Vater war gegen diese Liaison. Das sollte sich jedoch ändern, als die Familie nachts im eigenen Haus überfallen wurde. Denn der Feldwebel bemerkte den Tumult im Weißmüllerschen Haus, eilte hin und fand die Familie geknebelt und gefesselt am Boden sitzend. Der junge Feldwebel kam gerade rechtzeitig, bevor größerer Schaden entstehen konnte und die Räuber das versteckte Vermögen der Familie ausfindig machen konnten. Diese Heldentat stimmte nicht nur den Vater milde in Bezug auf eine Heirat zwischen Krieger und der eigenen Tochter. Vielmehr stieg das Ansehen des Soldaten im Dorf so sehr, dass ihm später sogar der Posten des Scholtes zugesprochen wurde. So zumindest will es die Erzählung.

Die Realität scheint deutlich weniger heldenhaft – so zumindest sieht Peter Heil aus Oberkalbach die historischen Fakten hinter der Anekdote. Der Rentner hat in unzähligen Stunden historisches Material gewälzt, Taufbücher und Kirchenchroniken durchforstet und dabei die realen Personen der Geschichte ausfindig gemacht. Dabei ist dem Hobbyforscher klar geworden: „Meine Frau Liselotte und ich stammen selbst in siebter beziehungsweise achter Generation von dem Feldwebel Krieger ab“, erzählt er und ergänzt mit einem Lachen: „Aber das tun vermutlich viele in Oberkalbach, die wenigsten wissen allerdings davon.“ Nach seinen Recherchen handelt die Erzählung von den realen Personen Johann Jacob der Schultheis Krieger. Er ging eine Ehe ein mit Kunigunda (in der Geschichte „Ännje“) Weismüller. „Allerdings geschah dies alles bereits sehr viel früher als in dem von Klaus Vögler notierten Zeitraum des Siebenjährigen Krieges“, hat Peter Heil herausgefunden. Die Hochzeit fand bereits am 13. April 1723 statt – und Johann Jacob der Schultheis Krieger verstarb 1752, seine Frau drei Jahre später und somit noch vor den Kriegsjahren. Warum nahm der Autor also die Umdatierung vor?

Peter Heil ist überzeugt: „Der Autor hat eine Erzählung aus dem Volksmund aufgegriffen und versucht, sich bestimmte Tatsachen im Nachhinein zu erklären, die für ihn nicht verständlich waren.“ So sei es für ihn nur nachvollziehbar gewesen, dass sich ein Feldwebel aus Kassel in Oberkalbach aufhält, wenn Kriegszeiten waren. „Tatsächlich gab es bereits um 1722 Einquartierungen in Oberkalbach, was wohl auch Johann Jacob der Schultheis Krieger hierhin führte. Und Eheschließungen sowie Familiengründungen waren keine Seltenheit“, erklärt Peter Heil.

Und auch die Tatsache, dass dieser Soldat Scholtes wurde, obwohl er ein Fremder in Oberkalbach war, musste offenbar begründet werden. Er muss sich mit einer Heldentat als würdig für das Amt erwiesen haben. Der Hobbyforscher hat recherchiert, wie es sich tatsächlich damit verhielt: „In Oberkalbach gab es eine Schultheis-Dynastie namens Schäfer. Doch plötzlich wurde diese Dynastie unterbrochen und Johann Jacob Krieger wurde ins Amt gehoben. Das hatte allerdings nichts mit einer besonderen Heldentat zu tun, vielmehr mit dem unehrenhaften Verhalten des Schäfer-Sprösslings.“ Denn dieser sei beim Kartenspiel vor dem Sonntagskirchgang erwischt worden. Sein Vater, der damalige Schultheis, musste dieses Vergehen beim Landesherren anzeigen – dazu sei er von Amts wegen verpflichtet gewesen. Die Folge: Sein in Ungnade gefallener Sohn schied als Nachfolger für das Scholtes-Amt aus. „Der Landesherr hat sich also jemanden aus dem Dorf ausgesucht, dessen Loyalität er sich sicher sein konnte – und da war ein treuer Soldat für ihn naheliegend.“ Vermutlich ist die Heldentat des Soldaten also entweder nie passiert ist oder war zumindest nicht der Grund dafür, dass er Scholtes wurde. „Da es sich quasi um meine eigenen Vorfahren handelt, tat ich mich mit dieser Entdeckung ein wenig schwer“, gibt der Hobbyforscher mit einem Augenzwinkern zu. Aber sich in die historischen Dokumente einzulesen und nach der wahren Vergangenheit zu graben, war für ihn dann doch spannender als die kurze Anekdote selbst.



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