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Mysterienspiel „Truthgeba – Leobgyth – Lioba“ von Inga Storck-Schnabel im Kultureller Fulda uraufgeführt

Eine steile Treppe führt den Besucher in einen Gewölbekeller auf dem Gelände eines ehemaligen Jesuitenkollegs. Einfache Stühle stehen dicht beieinander, jeder ist herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei, gespendet wird für das Projekt der Deutschen PalliativStiftung (Schirmherr: Dr. Thomas Sitte). Dem Besucher strahlen zwei große Lioba-Bilder entgegen, die der Fuldaer Künstler Raimund Roth in der alten Technik der Hinterglasmalerei gemalt und gestiftet hat. Am Ende der Aufführung überreicht der Künstler eines der wunderbaren Werke den Lioba-Schwestern (Cella St. Lioba Petersberg).

Von den Gemälden ausgehend kann das Auge des Betrachters an allen vier Ecken des Raumes Instrumente wahrnehmen. In einem Winkel eine Harfe, die den Zuschauer schon in die Zeit des Mittelalters versetzt. David Flügel erfasst mit großem Einfühlungsvermögen die Nöte, die Sehnsüchte dieser Zeit. In einem anderen Winkel stehen gleich zwei Instrumente, ein Tasten- und ein Röhrenglockenspiel. Schwester Hildegard Wolters (OSB) zarte Finger gleiten behutsam und beherzt von einem zum anderen Instrument und locken die verschiedenen Stimmungen der Situationen hervor. In einem anderen Winkel ein Trommler, der durch starke Tommelwirbel die Besucher oftmals aufschreckt. Mit einer jugendlichen Freude und Elan spielt Samuel Baumann sein Instrument so gewaltig, so dass sich der Kulturkeller oftmals zu einem Klangkörper verwandelt. In einem anderen Winkel ein Mischpult. Andreas Schnell, ein Profi der Technik, wechselt in großer Präzision von mittelalterlichem Chorgesang hinüber zu dramatischen Naturgeräuschen, die Johannes Lowien in großer Phantasie zusammengefügt hat. So unterschiedlich die Musik in ihrer Dramatik, so unterschiedlich die Darstellungen der Performances. Monika und Petra Kling bewegen sich akribisch in allen ihren tänzerischen Aussagen, obwohl ihre Bewegungsmöglichkeiten durch ihre Kostüme grundverschieden sind. Alle drei Performances führen spielerisch und farbenprächtig hin zu den Dialogen. Eine große spielerische Reife beider Darstellerinnen.

Die Kindheitsgeschichte von der Geburt bis zum Weggehen als junge Schwester ist das Thema der kleinen Truthgeba (spätere Lioba). Ein Glanzauftritt vor der Pause die kleine Lioba mit dem Taufnamen Truthgeba (Marietta Flügel). Ihr anmutiges und voller Poesie verkörpertes Wesen erobert im Sturm die Herzen der Zuschauer und das Herz ihrer Mutter Aebbe (Maria Baumann), die nach diesem Auftritt ihr Kind für immer in das Kloster Thanet (England) abgeben muss. Eine reife Leistung der Schauspielerin, die ihren Abschiedsschmerz nur sehr leise ohne größeren Ausbruch darstellt. Die gute alte Amme (Karin Katroschan) in ihrer burschikosen und zupackenden Art gibt ihr den nötigen Halt.
Eine Hiobsbotschaft übermittelt in einer Traumdeutung eine weise ältere Nonne (Regina Henkel) der jungen Schwester Lioba, die ihr Kloster Thanet in England bald verlassen muss, um in einem fremden Land mit einer fremdartigen Götterkultur und Sprache heimisch zu werden.

Aufbrausende Naturgeräusche, Trommelwirbel, Dunkelheit und Bedrohungen, schwarze Flattergestalten belagern das Kloster, in dem Äbtissin Lioba (Monika Kling) mit ihren Nonnen heimisch geworden ist, mitten in den dunklen Wäldern Germaniens. Durchhalten ist das Wort, das immer wieder aufleuchtet. Äbtissin Lioba wird immer stärker in ihrer Ausstrahlung, je gefährlicher die Situation für sie und ihre Nonnen wird. An diesem unheimlichen Ort wieder eine Hiobsbotschaft von der Priorin (Gisela Klingel): „Die Nonne Elisabeth ist aus dem Kloster geflüchtet.“ Wie ihre Mutter Aebbe damals nicht zusammenbrach, als sie ihr Kind hergeben musste, so reagiert auch Lioba in ihrer persönlichen Reife voll Vertrauen, ihre Tochter (Nonne Petra Kling) in den dunklen Wäldern wiederzufinden. Sie legt alle Angst beiseite und will sich schutzlos dieser Wildnis und Dunkelheit stellen. In diesem Augenblick gewaltiger Trommelwirbel, große und kleine Flattergestalten (Maria u. Simeon Baumann, Theresa u. Johannes Flügel, Karin Katroschan) erscheinen unter Rabengekrächze aus der Dunkelheit.

Nach einer noch größeren Geräuschkulisse tauchen der „Held des Eichenhains“ (Tim Ulmer) mit dem „Stab der Macht“, im Schlepptau den alten Germanen (Robert Richter) und die Nonne Elisabeth (Petra Kling) als Opfergabe zur Sühne für den Mord, den der Hl. Bonifatius an der „heiligen Göttin der Germanen – der Eiche“ vollzogen hat, unheilvoll auf. Den Schwur, den der „Held des Eichenhains“ beim Fällen seiner „Göttin“ ablegte: „Ich will der Rächer für dich sein“, sollte in diesem Augenblick vollzogen werden. Schwester Elisabeth soll nun getötet werden. Die Heilige Lioba legt in diesem Moment alle ihre Ängste ab und bietet sich selber als Opfergabe an. Der Bann der Angst weicht von der Nonne Elisabeth, sie ist gerettet. Ihre Äbtissin ist in ihrem Wunsch nach Frieden so stark geworden, dass der „Held des Eichenhains“, obwohl schreiend, brüllend, drohend, ihr in ihrer Verklärtheit nichts mehr antun kann. Lioba in ihrer Friedensbereitschaft ist nicht mehr als Opfergabe zu gebrauchen. Der „Held des Eichenhains“ bleibt bei seinem Schwur, Rächer für „seine Göttin“ zu sein. Er wird wiederkommen. Der alte Germane hat vor der Stärke dieser Frau schon vorher kapituliert. Beide Spieler übermitteln die germanische Welt überzeugend und kraftvoll.

Alexander Baumann spricht mit ausdrucksstarker Stimme über die Götterwelt der Germanen und das Leben der Heiligen Lioba. Die Zuschauer gehen betroffen nach Hause. Eine weitere Theateraufführung findet zum Stadtjubiläum am Sonntag, 10. März 2019, um 15:00 Uhr im Kulturkeller Fulda statt.



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