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Richtig handeln, wenn Gefahr droht – Initiative «Gewalt-Sehen-Helfen» und Office Netz Vogelsberg informieren zum überlegten Umgang in brenzligen Situationen

Der Umgang mit Gewalt im öffentlichen Raum ist kein explizit weibliches Thema – dennoch hatte das OFFICE NETZ Vogelsberg die Veranstaltung „Gewalt-Sehen-Helfen – ein Weg zur Stärkung der Zivilcourage“ in die diesjährigen Aktivitäten im Rahmen der Vogelsberger Frauenwoche gelegt – als besonderes Angebot in Kooperation mit dem Vogelsbergkreis, dem Netzwerkpartner von Gewalt-Sehen-Helfen. Neben den Mitgliedern des OFFICE NETZ Vogelsberg, das unter Federführung von Anette Wettlaufer von der Vogelsberg Consult GmbH Fachkräfte rund um Büro und Verwaltung zusammenführt, stand das Seminar allen Interessierten offen. Als Referenten waren Eckhard Kömpf und Michaela Stefan vom Vogelsbergkreis im Schäferhof in Eudorf erschienen. Kömpf ist ausgebildeter Multiplikator des hessischen Landesprogramms „Gewalt-Sehen-Helfen“, Stefan ist als WIR-Koordinatorin des Kreises für dieses Programm auf Kreisebene zuständig.
Hervorgegangen aus einer Initiative der Stadt Frankfurt, ist das Präventionsprogramm inzwischen in ganz Hessen implementiert. Es soll Zivilcourage stärken sowie Blick und Bewusstsein für brenzlige Situationen im öffentlichen Raum schärfen und gewaltfreie Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. „Wo fängt Gewalt an?“ „Wie kann ich mich selbst schützen?“ „Wie kann ich helfen, ohne mich selbst zu gefährden?“ „Wie kann ich andere Menschen motivieren, auch aktiv zu werden?“ Mehr als zwanzig Teilnehmende zeigten ihr Interesse an diesen Fragen. Anette Wettlaufer freute sich sehr über die Resonanz – hatte sie, wie einige andere Teilnehmerinnen auch – das Seminar bereits in anderem Rahmen kennengelernt. Aus konkreten Situationen heraus, aus Erfahrungen in Städten oder aus präventivem Interesse waren die Gäste gekommen, wie sie in einer kurzen Vorstellungsrunde kundtaten. Sie erhofften sich Impulse für richtiges Handeln, Anleitung, was man tun kann und soll, und wo es besser ist, auf Distanz zu gehen. Deutlich wurde, dass das Thema von aktueller Bedeutung ist – auch im ländlichen Raum.
Eckhard Kömpf, Polizeibeamter im Ruhestand und ehrenamtlicher Leiter der Außenstelle des Weißen Rings, betonte zwar, dass es im Vogelsberg immer noch beschaulicher zuginge als in den Ballungsgebieten, dennoch sei es wichtig, sich mit dem richtigen Umgang mit Gewalt im öffentlichen Raum zu befassen. Doch was ist eigentlich Gewalt? Zu verschiedenen Situationen, in denen Gewalt, wenn überhaupt, dann nur subtil oder in der Interpretation der Teilnehmenden vorhanden war, sollten sich diese positionieren. Klar wurde hier: Jeder Mensch hat sein eigenes Gewaltverständnis und daher auch einen individuellen Umgang damit – sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Reaktion. Wichtig sei jedoch stets, so Kömpf, dass man auf sein Bauchgefühl höre. „Wenn eine Situation mir Angst macht, dann sollte ich mich fernhalten“. Mischt man sich ein, dann sollte man Körperkontakt mit dem Aggressor vermeiden und diesen auch nicht kumpelhaft duzen. In einem Rollenspiel, an dem sich später auch die Anwesenden beteiligen konnten, wurde deutlich, was Kömpf meinte: Wie verhalte ich mich, wenn ich auf einer Kirmes von einem Menschen, der ganz offensichtlich Streit egal mit wem sucht, angerempelt werde? Ist Zurückrempeln die Lösung? Ist ein Gespräch die Lösung? Der Tipp des Experten: Den Aggressor zu ignorieren ist hier angebracht. „Wer Streit will, macht immer weiter, auch wenn man das Gespräch mit ihm sucht.“ Seinen Wunsch, sich nichts gefallen zu lassen und zu reagieren – mit Taten oder Worten – solle man unterdrücken, um eine Eskalation zu vermeiden. „Hier trifft es zu, dass der Klügere nachgibt.“ Je früher ein Ausstieg aus einer solchen Situation erfolge, umso besser gelinge er, so ein Fazit und der Rat. „Nehmen Sie einen Konflikt nie an!“ Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Herstellen von Öffentlichkeit. „Sprechen Sie gezielt Passanten an, damit sie helfen sollen.“ Explizit angesprochene Fremde, etwa als „Sie mit der roten Jacke, könnten Sie mal die Polizei rufen“, könnten schlechter wegschauen und daher in einer Konfliktsituation zur Lösung beitragen.
Ein weiteres Beispiel war die Belästigung einer Person im Zug. Ihr kann man helfen, indem man sich mit Mitreisenden solidarisiert, auch wenn man sie nicht kennt. Mit den Worten „Ach, Hildegard, wie schön dich wieder mal zu sehen“, könne man eine bedrohte Person im öffentlichen Raum recht einfach aus einer prekären Situation führen, so ein Rat. Dennoch gelte es stets, die eigene Angst vor einer Situation wahr- und anzunehmen, eine Eigengefährdung auszuschließen.
Am Ende des Seminars war klar: Wie man in einer brenzligen Situation tatsächlich handelt, kann man nach drei Stunden der Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht vorhersagen. Man hat aber Anhaltspunkte, Denkansätze, Vorschläge, auf die man sich im Ernstfall sicherlich besinnen kann.
Das Seminar „Gewalt-Sehen-Helfen“ gibt es auch als Tagesseminar und kann von Vereinen, Firmen und anderen Institutionen kostenfrei über Michaela Stefan beim Vogelsbergkreis (Tel. 06641 977-3411 oder E-Mail: michaela.stefan@vogelsbergkreis.de) gebucht werden. Auch über eine Ausbildung zum Multiplikator kann man sich dort informieren. Mehr Informationen dazu gibt es unter www.gewalt-sehen-helfen.hessen.de



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