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Pas de deux der Positionen – die Ausstellung „paarlaufen“ in der Kunststation

christian-kauffmann-im-erinnerungsraum-von-ria-gerthKleinsassen. Wenn Eiskunstläufer ihre Kür absolvieren, dann ziehen sie nicht nur nebeneinander ihre Bahnen. Das Paar trennt sich, die Partner laufen mitunter sogar in gegensätzliche Richtungen, treffen sich wieder und verschmelzen zu eindrucksvollen Figuren. Dieses Bild der sich miteinander und gegeneinander bewegenden Tänzer muss Christian Kauffmann, den Kurator der Ausstellung „paarlaufen“ des Oberhessischen Künstlerbundes (OKB) in der Kunststation Kleinsassen, inspiriert haben.

„Künstler sind heute Einzeltäter,“ so Kauffmann, „wenn sie sich trotzdem in einem Künstlerbund zusammenfinden, dann um sich einen Freiraum gegenüber dem alles bestimmenden Kunstmarkt zurückzuerobern, aber auch um in Diskurs miteinander zu treten.“ Um diesen Diskurs geht es in der Ausstellung „paarlaufen“, in der sich immer zwei Künstler gegenüberstehen und ihre Werke den Einflüssen und der „Kommentierung“ durch den jeweils anderen aussetzen.

Das Konzept des Kunsthistorikers Christian Kauffmann, der als Studienleiter der Evangelischen Stadtakademie Frankfurt für viele spannende Ausstellungskonzepte verantwortlich zeichnet, ging auf, denn in der direkten Gegenüberstellung der Werke werden sowohl strukturelle, formale als auch inhaltliche Schnittmengen zwischen den 18 Künstlern des Oberhessischen Künstlerbundes deutlich sichtbar. Höchst erstaunliche Übereinstimmungen treten dabei zutage. Sie lassen sich in drei Themenbereiche gliedern: den Blick auf die Landschaft, das Interesse für Biographisches und abstrakte Formen.

Gleich in der ersten Halle wird der Besucher der Ausstellung mit zwei Installationen konfrontiert, die sich mit Biographien auseinander setzen. Rose Marie Koch geht es dabei mit ihren auf Tontafeln eingebrannten tagebuchartigen Notizen und Zeichen, um die eigene Biographie, Dieter Hoffmeister dagegen beschäftigt sich in seiner Installation mit dem Leben der Russlanddeutschen Amalie Spät. Ein auf Video aufgezeichnetes Interview, ein Foto, ein Exemplar ihres immer wieder neu abgeschriebenen Gebetbuches und von ihr selbst gehäkelte Deckchen dienen ihm dabei als Belege und Werkstoff, als „gelebte Spuren“.

In derselben Halle treffen die Bilder von Renate Donecker und Johannes Eucker aufeinander. Obwohl die zwei sich sehr verschiedener Techniken bedienen – Donecker malt und spachtelt ihre inneren Landschaften auf Leinwand, während Eucker in seinen „Rekonstruktionen von Natur“ Landschaften fotografiert, digital bearbeitet, übermalt und wieder fotografiert – lassen sich doch gewisse formale Ähnlichkeiten feststellen: die Welt wirkt bei beiden wie durch ein Prisma gesehen. Auch die Collage spielt als Gestaltungselement eine große Rolle.

Im Atelier kommt es zu einer Dreiecksbeziehung. Die Bilder der Malerin Gisela Denninghoff gehören zu der Kategorie der „Actionpaintings“ und der gestischen Malerei. Sie sind entstanden mit und zur Musik ihres Lebensgefährten. Dabei reagiert die Malerin spontan auf die Musik und setzt ihre Emotionen in einen Farbrausch um, in dem Hell und Dunkel miteinander ringen. In direkter Reaktion darauf generierte Christian Malitzki seine abstrakten Computerbilder, die er als „digitale Stenographie“ bezeichnet. Die Künstler waren dabei die einzigen der Gruppe, die innerhalb der zweijährigen Vorbereitungsphase der Ausstellung ihre Werke gemeinsam und in direkter Zusammenarbeit entwickelt haben.

In der Querhalle ist dann wieder das Thema Landschaft präsent. Einmal tritt es dem Betrachter in den fotorealistischen und detailgenau gearbeiteten idyllischen Graphiken von Günter Hermann entgegen, in denen üppige Natur und darin eingebettete Architektur uns schmerzlich daran erinnern, was wir zu verlieren drohen, zum anderen lotet die Malerin Marion Fischer den schmalen Grad zwischen der gerade noch erkennbaren und der schon abstrahierten Landschaft aus.
Die andere Seite der Halle gehört der raumgreifenden autobiographischen Installation von Ria Gerth, die mit Hilfe von umfunktionierten Hasenkäfigen, eine Erinnerungslandschaft baut, in der die Enge, aber auch die Geborgenheit, die erstarrte Spießigkeit, aber auch die handwerkliche Geschäftigkeit ihres Heimatdorfes fühlbar wird. Dieses Erleben wird subtil kommentiert durch die fotorealistischen Gemälde von Deniz Kuranel an den Wänden. Seine in Gerhard Richter-Manier an verwackelte Schnappschüsse erinnernden Ausschnitte aus der Wirklichkeit bilden Situationen und Motive ab, wie sie in jedem Album kleben könnten.

Erinnern spielt auch in den Objekten von Christel Dütge eine Rolle. Die ehemalige Bibliothekarin rettete Sammeleinbände aus dem 19. Jahrhundert vor der Entsorgung und lässt die Buchdeckel, die früher Geschichten zusammenhielten nun selbst Geschichten erzählen, indem sie die Spuren, die die Zeit auf ihnen hinterlassen hat, betont und neue Spuren hinzufügt. „Zeugen“ sind auch die Fotos von Anne Held, doch sie beschäftigen sich weniger mit der Zeit als mit den verschiedenen Ansichten, die ein und dasselbe Ding von unterschiedlichen Perspektiven aus haben kann. Das „Ding“ ist dabei ein schwarzer Kubus, den sie direkt auf die Raumecke gemalt hat.

Um afrikanische Landschaft geht es in der 3. Halle. Paulina Heilgenthal hält in abstrakten Farbflächen in warmen gelb-orange Tönen, die von Wegen durchzogen sind, ihre Raumerlebnisse auf dem schwarzen Kontinent fest. Wege legen auch die kleinen papiernen „Gedankenschiffchen“ von Angelika Nette zurück, allerdings weniger sichtbar, als im Assoziationsraum der Betrachter. Gefaltet aus Blättern mit Ovids Metamorphosen und aufgespießt auf gefundene Stöcke, halten sie eine fragile Balance.

Der fragile Lebensraum ist Thema von Susanne Ledendecker. Aus ihrem Atelierfenster beobachtet sie täglich wie der Lebensraum des Feldhasen schwindet. Daher widmet sie erdfarbenen Collagen-Zeichnungen, die wie freigelegte Schichten einer restaurierten Wand wirken, dieser Problematik. „Virtuelle Archäologie“ ganz anderer Art betreibt dagegen Axel Wetzel. Die feingliedrigen Monotypien, die den Bildern von Ledendecker gegenüber hängen, sind keine Abdrücke historischer Funde, sondern Spuren von modernen Verpackungsmaterialien. Was dieser Künstler behandelt wie Motive einer echten archäologischen Grabung, sind schlicht die Produkte, die am Ende der industriellen Fertigungskette stehen: Müll.

Industrieprodukte sind auch der Werkstoff von Yi Zheng Lin. Plastikrohre, Abflüsse, Plastiktüten kombiniert er zu raumgreifenden botanischen Skulpturen. Seine an einen in voller Blüte stehenden Pfirsichbaum erinnernde Plastik wuchert in die Halle der Kunststation und erschafft so einen Garten der Künstlichkeit. Die Collagentechnik findet sich auch bei Werner Braun. Landkarten, gebrauchte Fahrscheine bilden den Grund seiner Übermalungen, in denen vor allem die menschliche Figur und der Kopf eine besondere Rolle spielen.
Damit ist der Besucher am Ende des Rundgangs angelangt.

Zum ersten Mal präsentiert sich der Oberhessische Künstlerbund in der Kunststation in einer Ausstellung, die von einem Kurator ausgerichtet und vorbereitet ist. Das ist neu für den seit 1943 existierender Zusammenschluss von Künstlerinnen und Künstlern aus Mittelhessen. Auch dass der OKB sich mit einer solch umfangreichen Ausstellung außerhalb seines lokalen Schwerpunkts um die Städte Gießen und Wetzlar präsentiert, ist ungewöhnlich, da der OKB anders als der Berufsverband Bildender Künstler (BBK) keiner landesweiten oder gar bundesweiten Dachorganisation angeschlossen ist.

Doch das Konzept des Kunsthistorikers Christian Kauffmann war zu spannend und die Bedingungen in der Kunststation waren zu verlockend, um dieses Wagnis nicht einzugehen, wie Dieter Hoffmeister bei seinem Grußwort betonte. Begeistert von dem Ergebnis und der Wirkung der Kunst in den großzügigen Hallen zeigten sich daher nicht nur die zahlreichen Besucher der Vernissage, sondern auch die Künstler, die eigens für die Eröffnung mit einem Bus angereist waren und von Peter Ballmaier, dem Leiter der Kunststation, herzlich in Empfang genommen wurden. In seiner kleinen Einführung zur Geschichte der Kunststation, die in diesem Jahr 30 Jahre alt wird, vermittelte er den Gästen, wie eine solche Kulturinstitution mitten in dem kleinen Rhönort entstehen konnte.

Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler sind (in alphabetischer Reihenfolge):
Werner Braun, Gisela Denninghoff, Renate Donecker, Christel Dütge, Johannes Eucker, Marion Fischer, Ria Gerth, Paulina Heiligenthal, Anne Held, Günther Hermann, Dieter Hoffmeister, Rose Marie Koch, Deniz Kuranel, Susanne Ledendecker, Christian Malitzki, Angelika Nette, Axel Wetzel, Yi Zheng Lin

Die Ausstellung des Oberhessischen Künstlerbundes ist mit freundlicher Unterstützung durch die ART-regio Sparkassenstiftung entstanden. Regelmäßige Öffnungszeiten der Kunststation und des Cafés: Di – So 13 – 17 Uhr. Eintritt 3 €, ermäßigt 1,50 € (auch an Vernissagentagen), Kinder und Schüler frei. Führungen nach Vereinbarung.
Weitere Informationen zur Kunststation Kleinsassen unter www.kleinsassen.de oder telefonisch unter 06657-8002, Adresse: An der Milseburg 2, 36145 Hofbieber-Kleinsassen (Marianne Blum, Kunststation Kleinsassen)



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